Mary Bauermeister galt als „Mutter der Fluxusbewegung“ – einer Kunstrichtung, die mit Traditionen bricht und mit dadaistischen Mitteln den Alltag in die Kunst holt. Dabei traf diese Bezeichnung für die am 7. September 1934 in Frankfurt geborene Künstlerin überhaupt nicht zu. „Fluxus gab es Ende der 1950er Jahre noch gar nicht“, sagte sie im Interview im Jahr 2018. Erst 1963 war der Begriff im Umlauf, als in Düsseldorf und anderen Städten Fluxus-Festivals abgehalten wurden. Da war Mary Bauermeister in den USA schon ein Star. Doch zuvor wirbelte sie die Kunstszene im Rheinland durcheinander. Als es sie im Alter von 22 Jahren nach einem Kunststudium in Ulm und Saarbrücken nach Köln zog, herrschte in der Domstadt noch der Mief der Wirtschaftswunderzeit. Gerade erst waren die letzten Trümmerfelder geräumt und Frauen per Gesetz als gleichberechtigt eingestuft worden.

Bauermeisters Atelier wird Künstler-Treffpunkt

Die blonde, großgewachsene Künstlerin war eine Ausnahmeerscheinung. Normen interessierten sie nicht. Früher als andere erklärte die junge Frau in ihrer Kunst die Natur zu ihrem Werkstoff und brach alle vorherrschenden Genregrenzen auf. In ihren berühmten „Linsenkästen“ verschmelzen gewölbte Gläser, Lupen und Prismen mit optisch verzerrten Bildern und Worten zu magischen Gebilden. 

Schnell begeisterte sich Mary Bauermeister nach ihrer Ankunft in Köln auch für die wachsende neue Musikszene im Rheinland. Ihre Wohnung, eine Mansarde im Herzen der Altstadt, diente ihr als Atelier und entwickelte sich zugleich zu einem Treffpunkt der internationalen Kunst- und Musikavantgarde. Komponisten wie John Cage, David Tudor oder La Monte Young gaben dort auf Mary Bauermeisters Einladung hin ihre ersten Konzerte.

Köln: Magnet für die internationale Avantgarde

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) war mit seinem Radiosender und dem renommierten Studio für Elektronische Musik ein Magnet für Musiker aus aller Welt. Hinzu kam das IGNM (Internationale Gesellschaft für Neue Musik )-Festival für Neue Musik. Am Abend, nach den Veranstaltungen des WDR, versammelten sich das internationale Publikum und Künstler aus ganz Europa und den USA in Mary Bauermeisters Atelier, wo im Rahmen eines „Contre-Festivals“ viele Künstler auftraten, die von der offiziellen IGNM-Jury abgelehnt worden waren. Zwischen März 1960 und Oktober 1961 fanden in Bauermeisters Wohnung neben Konzerten auch legendäre Ausstellungen statt. Fluxus-Größen wie Wolf Vostell, Nam June Paik und Christo performten oder stellten ihre Werke im „Atelier Bauermeister“ aus. Auch das „Licht-Ballett“ des Zero-Künstlers Otto Piene wurde durch Mary Bauermeisters Unterstützung uraufgeführt. Ihr Atelier war eine Mischung aus kreativer Keimzelle und Freidenkertum.

Radikaler Neuanfang in der Kunst nach dem Nationalsozialismus

„Alles, was Rang und Namen hatte, schlief auf meinen Matratzen: John Cage, Christo, der Schriftsteller Hans G. Helms, der Pianist David Tudor, der koreanische Komponist Nam June Paik, der als Erfinder der Videokunst gilt“, erinnerte sich die bis ins hohe Alter aktive Künstlerin im Interview. Improvisation war für sie und ihre Weggefährten stets der Kern des Neuen.

Künsterin Mary Bauermeister

Mary Bauermeister war in den USA ein Star – lange bevor sie in ihrem Heimatland Deutschland wahrgenommen wurde

Das hatte auch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen zu tun. „Wenn Leute tagsüber Juden morden und abends Beethoven hören, hat uns das misstrauisch gemacht. Also war uns alles lieb, was radikal war und mit der Vergangenheit gebrochen hat“, sagte Bauermeister. Sie war aber nicht nur Gastgeberin in einer von Männern dominierten Avantgardebewegung, sondern schuf unablässig selbst Installationen aus Spiegeln, Skulpturen aus Leuchtstoffröhren oder Schreibbilder. Es entstanden Spiralen aus geschliffenen Kieselsteinen, mit denen sie in den Sechzigerjahren in den USA berühmt wurde. Sie experimentierte mit geflickten Bettlaken, die sie auf Leuchtkästen aufzog. Chiffren, Zeichen und Textfragmente aus Wissenschaft, Philosophie und Mathematik, Musik und Kunst bildeten die Grundlage für Zeichnungen, Collagen und Objekte.

Ehe mit Karlheinz Stockhausen

Während eines Kompositionskurses in Darmstadt lernte Bauermeister auch den Komponisten Karlheinz Stockhausen kennen. 1962 stellen sie gemeinsam in Amsterdam aus – Bauermeisters erste Museumsausstellung. Ein Jahr später zog sie nach New York, wo sie mit ihren Prismen und Linsenkästen in den Galerien erstmals hohe Preise erzielte. Wer sich mit dem Auge den Glaskugeln nähert, kann dahinter Noten von John Cage erkennen oder autobiografische Texte Mary Bauermeisters entziffern.
 

Komponist Karlheinz Stockhausen

Komponist Karlheinz Stockhausen (1928-2007) gilt als Pionier der elektronischen Musik

1967 heiratete Mary Bauermeister Karlheinz Stockhausen. Zuvor lebten die beiden
mehrere Jahre in einer Ménage-à-trois mit Stockhausens erster Ehefrau Doris unter einem Dach. Mit Karlheinz Stockhausen bekam Bauermeister zwei ihrer insgesamt vier Kinder. Über diese Zeit schrieb sie ein Buch, das 2011 auf den Markt kam: „Ich hänge im Triolengitter – Mein Leben mit Karlheinz Stockhausen.“
 

Während in den 1990er Jahren das Museum of Modern Art ihre Arbeiten bereits ausstellte, tat sich Deutschland lange schwer mit der Künstlerin Mary Bauermeister. Erst vor wenigen Jahren wurde sie auch hierzulande wiederentdeckt und in Museen ausgestellt. Bis zuletzt arbeitete sie in ihrem Haus in der Nähe von Köln und schuf in geometrischen Formen Schnecken oder Pyramiden aus Steinen, die das Meer rund geschliffen hat. Es entstanden Phosphorbilder, teils kombiniert mit Flächen aus filigran montierten Strohhalmspitzen, die Mary Bauermeister schon vor 50 Jahren verwendete. In ihrem Haus in Forsbach veranstaltete sie regelmäßig Sonntagsmatineen, in denen sie Interessierten aus ihrem bewegten Leben erzählte.

Am Donnerstagmorgen (02.03.2023) ist die Pionierin der Avantgarde gestorben, teilte ihr Sohn Simon Stockhausen mit. Sie wurde 88 Jahre alt.