„Gertsch ist am 21.12.2022 im hohen Alter von 92 Jahren friedlich verstorben“, heißt es in einer Erklärung auf der Website des Museums, das er selbst 1999 in Burgdorf in der Schweiz eröffnete. Bis zuletzt habe er in seinem stets aufgeräumten Atelier gearbeitet, so der Schweizer Sender SRF über den berühmten Maler. In einem Raum, der gemessen an seinen monumentalen Bildern überraschend klein gewesen sei. 

Gertsch: Liebe zur Malerei stärker als zur Musik

Franz Gertsch kam am 8. März 1930 im Kanton Bern zur Welt. Sein Vater war Sänger, das inspirierte ihn. Schon als Kind spielte er Klavier, strebte eine Karriere als Musiker an. Doch die Liebe zur Malerei war letztendlich stärker  – allerdings sah er eine klare Parallele zwischen Kunst und Klavierspiel. Die Natur sei der Code, den er als Maler interpretieren müsse, „vergleichbar mit den Noten, die ein Klavierspieler hat“.

Jugendliche sitzen auf Steinen, eine Frau betrachtet das Bild

Ein früher Gertsch aus dem Jahr 1971: „Aelggi Alp“

Erste Erfolge hatte Gertsch mit den Gemälden spielender Kinder am Strand, die er in Südfrankreich bei einem Sinti- und Roma-Festival in Saintes-Maries-de-la-Mer auf die Leinwand brachte. 

Ein Maler mit Hang zum Monumentalen

Auf der documenta in Kassel sorgte er 1972 mit seinem Riesenwerk „Medici“ für Furore: Auf gigantischen vier mal sechs Metern lehnten sich auf dem Bild fünf nebeneinander aufgereihte Jugendliche gegen eine Absperrung. Er wolle Leben einfangen, hat Gertsch einmal gesagt. 

Es folgten weitere Gruppen- und Einzelporträts, auch eine komplette Serie der Rock-Ikone Patti Smith. Gertschs großformatige hyperrealistische Werke stellten die Menschen in alltäglichen, unspektakulären Szenen dar – oftmals in Leuchtfarben. Nach eigenen Fotovorlagen brachte er makellose Gesichter im Großformat auf die Leinwand. 

Eine Besucherin geht am Bild einer Frau vorbei

Nur weil man alles genau sieht, bedeutet es nicht, alles zu sehen: „Silvia II“

Auch das war Gertsch: Holzschnitte der Natur

Doch Gertsch malte nicht nur, er fertigte auch Holzschnitte an und ließ sich dabei von der Natur um ihn herum inspirieren. Mitte der 1970er-Jahre war er mit Frau und Kindern in ein altes Bauernhaus auf dem Schweizer Land gezogen. Die Umgebung, der Fluss und der Wald, in der er täglich spazieren ging, waren in seinem Spätwerk sehr präsent. „Wie ist diese Vielfalt in der Natur möglich? Wenn sie diesen verschneiten Baum anschauen: Wer hat so viel Fantasie, um diese Strukturen, diese Bewegungen zu vollbringen?“, fragte er sich.

Die Freude daran, Kunst zu erschaffen, ließ Gertsch bis zuletzt nicht los. „Ich bin zwar ein sehr nervöser und ungeduldiger Mensch – es fällt mir schwer, geduldig zu sein -, aber sobald ich einen Stechbeitel oder einen Pinsel in der Hand halte, überkommt mich eine Stille“, verriet er einmal dem Schweizer Fernsehen, als es ihn bei der Arbeit filmte.

Das Auktionshaus Sotheby’s beschrieb Gertsch als „einen Künstler, der die virtuose technische Kunstfertigkeit der alten Meister aktualisiert“ habe. Jetzt ist der große Schweizer Maler im Alter von 92 Jahren eingeschlafen. Im von ihm gegründeten gleichnamigen Museum in der Schweiz lebt sein Werk weiter.

suc/so (AFP, SRF)