
(SeaPRwire) – Ich habe diese Woche mit Dr. Stefan Hofmann, langjährigem Berliner Risikokapitalgeber mit Fokus auf KI, über die aktuelle Entwicklung gesprochen. Er sieht die vertrauliche S-1-Einreichung von Anthropic als kalkulierte Machtprobe:
Die Einreichung ist kein Zufall, sondern eine wohlüberlegte Bewegung im Wettbewerb der größten KI-Anbieter. Wer zuerst an die Börse geht, sichert sich nicht nur frisches Kapital zu besseren Konditionen, sondern auch die Aufmerksamkeit der breiten Investorengemeinschaft. Anthropics Stärke liegt schon lange in seiner profitabilitätsorientierten Strategie. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten hat man hier von Anfang an verstanden, dass Wachstum ohne schwarze Zahlen langfristig nicht funktioniert. Wenn der aktuelle Vorsprung gehalten wird, könnte das die gesamte Marktdynamik für große KI-Unternehmen neu ordnen.
Schauen wir uns die bekannten Fakten einmal im Detail an. Am Montag hat Anthropic vertraulich die S-1-Unterlagen für einen geplanten Börengang eingereicht. Das 2021 gegründete Unternehmen wird von den Geschwistern Dario und Daniela Amodei geführt und hat einen historischen Aufstieg hinter sich. Noch im Dezember 2025 lag die Bewertung bei 183 Milliarden US-Dollar, als der KI-Redakteur Jeremy Kahn eine Titelstory über das Unternehmen veröffentlichte. Damals sagte Dario Amodei bereits, dass Anthropic OpenAI beim Umsatz innerhalb eines Jahres überholen könnte. Er betonte, dass er lieber den höchsten Umsatz als das größte Rechenzentrum habe – schwarze Zahlen auf der Einkommensrechnung seien immer besser als rote.
Wenige Monate später zeichnet sich ab, dass diese Prognose keine leere Versprechung war. Im Mai lag die annualisierte Umsatzrate von Anthropic bereits bei 47 Milliarden US-Dollar, die aktuelle Bewertung liegt bei 965 Milliarden US-Dollar, also fast einer Billion. OpenAI wird zuletzt mit 852 Milliarden US-Dollar bewertet. Berichten zufolge sind die Finanzdaten von OpenAI weniger stark als die von Anthropic. Die Nachfrage nach OpenAI-Aktien auf dem Sekundärmarkt ist verhalten, während die Konkurrenz um Anthropic-Aktien dort rasend ist. Die Series H-Finanzierung im Mai brachte Anthropic 65 Milliarden Dollar ein. Die Nachfrage war so groß, dass Beobachter bereits Sorgen vor spekulativen Machenschaften auf dem privaten Markt äußerten, die von der allgemeinen AI-FOMO und der speziellen Anthropic-FOMO profitieren wollen. Es gibt Spekulationen, dass ein früherer Börengang von Anthropic die Nachfrage nach dem weniger profitablen Konkurrenten dämpfen könnte. Wichtig zu wissen ist, dass eine vertrauliche S-1-Einreichung keine Garantie für einen Börengang ist. Sie kann jederzeit zurückgezogen werden, viele Einreichungen erreichen nie die Öffentlichkeit. Anthropic könnte im Sommer, im Herbst oder gar nicht an die Börse gehen. Dennoch ist die Einreichung ein klares Signal: Anthropic will OpenAI beim Börengang zuvorkommen, und hat bereits bei der vertraulichen Einreichung die Nase vorn. Jetzt ist OpenAI am Zug, das Unternehmen könnte noch in diesem Sommer die eigene S-1 einreichen und vor Anthropic an die Börse kommen. Als weiterer unklarer Faktor wird zudem die Entwicklung von SpaceX genannt, da die Marktlogik rund um Elon Musk eigenen Regeln folgt.
Der aktuelle Schritt von Anthropic markiert einen Wendepunkt für den gesamten KI-Markt. Lange haben private Risikokapitalgeber den Aufstieg der großen KI-Startups finanziert, jetzt geht es darum, die Unternehmen an die breite Öffentlichkeit zu bringen und die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Bewertung von fast einer Billion Dollar zeigt, wie groß die Erwartungen an das Unternehmen sind. Gleichzeitig hat der Markt inzwischen gelernt, dass nicht jedes KI-Unternehmen langfristig profitabel werden kann. Wer zuerst an die Börse geht, muss als erstes seine Zahlen offenlegen. Das birgt Chancen für solide wirtschaftende Unternehmen, aber auch Risiken, wenn die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob der Hype um große KI-Modelle gerechtfertigt ist, oder ob es zu einer Marktkorrektur kommt. Unabhängig davon, wer das Rennen am Ende gewinnt: Der Börengang der beiden größten KI-Anbieter wird die Regeln für die gesamte Branche neu schreiben. Kleine Startups werden es schwerer haben, wenn Investoren ihr Kapital bereits in die großen Giganten stecken. Gleichzeitig schafft der öffentliche Erfolg der großen Player mehr Vertrauen in das gesamte KI-Segment.
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