By: Julian Holbrooke
Die angebliche „Siegserklärung“ in einem vorläufigen Friedensabkommen zwischen Washington und Teheran wirkt wie eine Illusion. Beide Seiten präsentieren denselben Entwurf als Beweis für ihren Erfolg, doch hinter den Kulissen lauern ungelöste Spannungen.

Die offiziellen Aussagen zeichnen ein widersprüchliches Bild. US – Vertreter behaupten, der Entwurf erfülle Trumps Hauptziele und stelle die nuklearen Verhandlungen in eine günstige Position. Dagegen erklärt der iranische Außenminister Abbas Araghchi Iran zum Sieger und sieht im Abkommen einen Beweis für die Stärke Teherans. Der Entwurf soll den Hormusstraß öffnen, die Ölexportbeschränkungen lockern und die Freigabe von Milliarden Dollar an eingefrorenen iranischen Vermögenswerten einleiten. Im Gegenzug soll Iran den Wasserweg wieder eröffnen und sich an 60 – tägigen nuklearen Verhandlungen beteiligen. US – Beamte fordern die Abschaffung des iranischen Nuklearprogramms und die Vernichtung der hochangereicherten Uranvorräte.

Trotzdem gibt es viele ungelöste Fragen. Einige langjährige US – Forderungen scheinen weichgelegt oder verschoben zu sein. Die Diskussionen über das iranische Raketenprogramm fehlen, und die Frage nach Kriegsentschädigungen ist offen. Israel, das an den militärischen Operationen beteiligt war, nimmt nicht an den Verhandlungen teil. Netanyahu hat bereits angekündigt, dass Israel sich nicht an den Entwurf halten wird, und es gibt Streitigkeiten über zukünftige militärische Aktivitäten in Libanon. Teheran gewinnt kurzfristig: Sanktionserleichterung, Zugang zu eingefrorenen Vermögenswerten und die Wiedereröffnung einer wichtigen See route. Washington hingegen sucht einen Weg, die Nuklearprogramme einzuschränken, ohne einen teuren regionalen Konflikt zu verlängern.

Die Finanzmärkte haben bereits ihre Meinung kundgetan. Die Ölpreise sind stark gefallen, nachdem die Nachrichten über die Verhandlungen Fahrt aufgenommen haben. Die Investoren gehen von geringeren Störungsrisiken in der Golfregion aus. Die politischen Märkte sind hingegen weniger vorhersehbar. Trump muss den Druck von Wählern, die sich um die Energiekosten sorgen, und von Republikanern, die sich vor einer zu nachgiebigen Haltung gegenüber Iran fürchten, ertragen. Teheran muss seine Bevölkerung davon überzeugen, dass es nicht strategische Vorteile gegen wirtschaftliche Erleichterung eingetauscht hat. Am Ende wird es nicht nur darum gehen, was im Abkommen steht, sondern auch darum, wer die Geschichte um es herum erfolgreich definiert. In der Diplomatie sind die Dokumente wichtig, aber die politischen Erzählungen sind oft noch wichtiger.

Author bio: Julian Holbrooke, ein ausländischer Analyst für internationale Beziehungen, der regelmäßig für große europäische Tageszeitungen schreibt.