
By: Raymond Vance
Die US-Regierung beteuert gebetsmühlenartig, die Inflation bewege sich im Rahmen der Erwartungen. Diese Rhetorik verfehlt die Realität der Bürger komplett. Wenn ein Kopf Salat fast vier Dollar kostet, bricht das offizielle Narrativ zusammen. Eine Schachtel Kirschtomaten für über fünf Dollar ist kein statistisches Rauschen. Der tägliche Kaffee wird zum Luxusgut. Für die privaten Haushalte geht es längst nicht mehr um abstrakte geldpolitische Debatten. Sie spüren den realen Verlust ihrer Kaufkraft jeden Tag im Supermarkt. Das eigentliche Problem für Washington ist nicht die Frage nach dem statistischen Höhepunkt der Teuerung. Es ist der fundamentale Verlust des Vertrauens in die Handlungsfähigkeit der Politik.
Die nackten Zahlen des US-Arbeitsministeriums sprechen eine deutliche Sprache. Im Mai stiegen die Verbraucherpreise im Jahresvergleich um 4,2 Prozent. Im April lag der Wert noch bei 3,8 Prozent. Dies ist der höchste Stand seit Mai 2023. Die Kerninflation ohne Nahrungsmittel und Energie kletterte auf 2,9 Prozent. Das ist ein Siebenmonatshoch. Monatlich stieg der Verbraucherpreisindex um 0,5 Prozent, die Kernrate um 0,2 Prozent. Über 60 Prozent dieses Anstiegs gingen auf das Konto der volatilen Energiekosten. Der Konflikt zwischen Israel und dem Iran treibt die Treibstoffpreise unbarmherzig an. Donald Trump nennt die Daten dennoch stark und verspricht ein schnelles Ende der Teuerung nach Konfliktende. Das Weiße Haus wiegelt ab und sieht die Zahlen im Erwartungsrahmen.
Abseits der offiziellen Berichte treiben ganz andere Faktoren die Preise. Neue Zollandrohungen und gigantische Investitionen in KI-Infrastruktur und Rechenzentren heizen die Nachfrage an. Arbeitskräfte, Baumaterialien und Strom werden dadurch massiv teurer. Die Verbraucher reagieren bereits sehr sensibel auf diese Entwicklung. Im Norden von Virginia weichen Käufer von Premium-Supermärkten auf Discounter und asiatische Märkte aus. Das ist kein panischer Kollaps, sondern ein stiller, pragmatischer Wandel. Die Menschen wägen jeden Dollar genau ab. Solche Verhaltensänderungen zeigen sich meist weit vor den offiziellen Konjunkturdaten. Sie sind das wahre Barometer für die schwindende Kaufkraft.
Das politische Risiko für die amtierende Führung wächst rasant. Eine aktuelle Umfrage von Reuters und Ipsos zeigt das Desaster. Nur 22 Prozent der Amerikaner heißen Trumps Umgang mit den Lebenshaltungskosten gut. Ganze 70 Prozent lehnen ihn ab. Dieser Wert liegt sogar unter den Endwerten von Joe Biden. Bei hypothetischen Kongresswahlen würden derzeit 41 Prozent für die Demokraten und nur 37 Prozent für die Republikaner stimmen. Wenn die Bürger erst einmal glauben, dass Preise dauerhaft hoch bleiben, kollabiert das Vertrauen in die Währung und die staatliche Steuerungskompetenz. Das beschädigt langfristig die fiskalische Glaubwürdigkeit der gesamten Nation weit über die nächste Wahl hinaus.
Author bio: Raymond Vance ist ein leitender Makroökonom und Berater für geldpolitische Forschungsgruppen von Zentralbanken mit Fokus auf Inflationsdynamik und fiskalische Glaubwürdigkeit.